Täglich grüßt der Steuerdrache

CW: Diskriminierung, Verbrennen, Erwähnung von Entführung, Erwähnung von Verstümmelung

Es ist jeden Tag dasselbe.

Der Wecker brüllt pünktlich morgens um halb sieben und du drehst dich noch einmal um. Lässt die Pranke noch einmal auf das stahlverstärkte Gehäuse fallen, damit er in zehn Minuten ein zweites Mal plärrt. Zehn Minuten kannst du dir erlauben, bevor du die dünne Decke zurückwirfst und das Bett dein Aufstehen mit einem altersschwachen Knarzen quittiert. Du streckst dich und biegst die Schuppen gerade, die dich in die Seite piksen. Um deine Frau nicht zu wecken, schleichst du dich ins Bad, wie immer brav in einem der Pyjamas, die deine Tochter dir zum Geburtstag näht. Sogar das Loch für deinen schuppigen Schwanz hat sie perfekt getroffen. Sabines Anstellung beim Finanzamt ist in deinen Augen eine Verschwendung ihres kreativen Talents. Auf der anderen Seite bewunderst du sie dafür, dass sie mit ihren Pranken ein so filigranes Gerät wie eine Nähmaschine so präzise bedienen kann. Du wärst in ihrem Alter gern genauso kreativ gewesen, aber damals waren es andere Zeiten. Traditionellere Zeiten. Mehr Blut und Feuer und weniger Haus abzahlen und Vollzeitjob. Mehr freies Fliegen und weniger Nadelstreifenanzug, der an den Schultern spannt. Du überlegst, ob du dir zum nächsten Feiertag einen Anzug von deiner Tochter nähen lassen sollst. Für die letzten Arbeitstage, bevor du in Rente gehst. Verwirfst den Gedanken aber wieder, es wäre den Aufwand nicht wert.

Mit einem Seufzen schleppst du dich ins Bad und packst die Stahlbürste, mit der du dich jeden Tag reinigst. Erst die Reißzähne, die müssen schließlich glänzen. Danach die Schneidezähne und der Rest. Du legst die kleine Bürste weg und nimmst die Stahlwolle in die Pranken, die fein säuberlich in der Seifenschale liegt. Während du unter die Dusche steigst und deine alten Schuppen so gut es geht, mit der Stahlwolle schrubbst, hörst du deine Frau Friedl aus dem Schlafzimmer kommen und zum Zimmer deines Sohnes Dennis gehen. Er muss pünktlich aufstehen und er belegt morgens das Bad immer für eine kleine Ewigkeit. Also beeilst du dich mit deiner Morgenwäsche, so wie jeden Tag. Würdest du nicht die zehn Minuten länger liegen bleiben, hättest du mehr Zeit im Bad, aber das alles ist schon so lange Routine, dass du es in den letzten Wochen auch nicht mehr ändern willst. Bald hast du genug Zeit, kannst schlafen, bis Dennis wieder aus dem Bad heraus ist und dich dann in aller Ruhe fertig machen. Bald kannst du das Leben genießen, zumindest sagen deine Kollegen das.

Bis du dich trocken geschüttelt und dich in deinen Nadelstreifenanzug gequetscht hast, hat Friedl euren Sohn geweckt, ihn ins Bad geschoben und den Frühstückstisch gedeckt.

„Du brauchst endlich einen neuen Anzug“, sagt deine Frau wie jeden Morgen.

Und wie jeden Morgen antwortest du: „Liebling, ich gehe bald in Rente. Der nächste Anzug, den ich kaufe, ist für meine Beerdigung.“

„Und ich dachte immer, dass du dich traditionell in einen Vulkan fallen lässt, wenn du den Tod kommen spürst“, frotzelt deine geliebte Friedl.

„Wenn du mit deinem hübschen Feuer einen Vulkan für mich aktivierst, werde ich darüber nachdenken“, antwortest du zwinkernd. Diese kleinen Wortgefechte liebst du so an eurer Ehe, auch wenn ihr euch seit Monaten dasselbe an den Kopf werft.

„Beeil dich, Dennis, der Schulbus kommt in ein paar Minuten!“, ruft Friedl in den Flur, wo sich gerade die Tür zum Badezimmer öffnet.

„Ich weiß, verdammt!“, schreit dein Sohn als Antwort und du hörst seine Zimmertür knallen.

„Was sagt sein Lehrer? Wird es besser?“, fragst du deine Frau.

Sie seufzt, „Seine Wutausbrüche werden weniger. Er spuckt nur noch selten Feuer im Klassenzimmer.“

„Na das ist doch eine gute Neuigkeit“, sagst du nicht ganz überzeugt. „Vielleicht sollten wir ihn doch zwei Wochen zu Pa schicken.“

„Nein!“, ruft Friedl wie jedes Mal, wenn du diesen Vorschlag anbringst.

„Aber Pa würde ihm das austreiben. Zwei Wochen und Dennis wird ein Vorzeigeschüler. Pa hat schon ganz anderen den Kopf zurechtgerückt.“

„Die Methoden deines Vaters sind ja auch unmenschlich!“

„Na ja, wir sind Drachen, natürlich sind seine Methoden für Menschen gefährlich.“ Du grinst Friedl an. Du reitest immer darauf herum, wenn sie solche Floskeln übernimmt, weil man sie eben sagt. Weil ihre – menschlichen – Freundinnen hier im Wohnblock sie benutzen.

„Dann eben undrachig!“, ruft Friedl und reckt das Kinn mit einem Schnauben nach oben. Dabei entweicht ihr eine kleine Wolke durch die hübschen schmalen Nüstern, was ein ohrenbetäubendes Piepsen auslöst.

„Nicht schon wieder der Feuermelder“, flucht Friedl und drückt den Knopf an dem kleinen weißen Plastik-Ufo an der Decke. Immerhin zerdrückt sie das Gerät nicht wieder. Das wäre der vierte tote Feuermelder in zwei Monaten gewesen.
Ihr hattet versucht, die Hausverwaltung davon zu überzeugen, dass es keine gute Idee wäre, diese nervenden Dinger in eurer Wohnung zu installieren. Aber die Dame im Büro hatte lediglich abschätzig gesagt: „Ihre Wohnung ist sogar die Wichtigste im ganzen Haus. Sie sind Drachen, Ihre Wohnung ist für Feuer am meisten gefährdet. Ich weiß schon, dass Ihnen die Flammen nichts ausmachen, aber denken Sie an die ganzen anderen Bewohner. Die verbrennen, wenn Sie aus Versehen die Gardinen in Brand stecken. Am besten, wir installieren zusätzliche Feuerlöscher in Ihrer Wohnung.“

„Wieso sollten wir die Gardinen anzünden?“, hatte Friedl entgeistert gefragt.

„Na, Sie sind doch Drachen, Sie speien eben Feuer“, hatte die Dame geantwortet und sie aus dem Büro komplimentiert.
Nicht die erste unsensible Situation eures Lebens. Es war schon schwer genug gewesen, die Wohnung überhaupt zu bekommen, weil alle Vermieter befürchtet hatten, ihr würdet das Haus in den ersten Wochen niederbrennen. Als ob Drachen ihre eigene Behausung anzünden würden. Das Bild, das über euch verbreitet ist und immer noch kursiert, ist sehr mittelalterlich. Ihr habt damals darauf geachtet, die Wände mit feuerfestem Spray zu behandeln und schwer entflammbare Möbel und Bodenbelag zu kaufen. Ihr wusstet, dass Ihr keine Probleme haben würdet, euer eigenes Feuer im Zaum zu halten, aber ihr habt damals schon an den Nachwuchs gedacht. Daran, wie junge Drachen gern ihr Feuer ausprobieren und dabei unfreiwillig Dinge in Brand setzen. Als Dennis‘ Wutausbrüche begannen, zahlten sich die vielen Vorkehrungen aus. Die Feuerlöscher habt ihr einzig und allein deswegen hin und wieder in Gebrauch und die Rauchmelder gehen in unpassenden Momenten los. Wenn Friedl kocht oder eben wie jetzt.

„Du musst bald los, Schatz“, sagt deine Frau etwas versöhnlicher und legt ihren Kopf kurz auf deinen.

Dennis rauscht vorbei, rollt sich schnell zwei Pfannkuchen zusammen und stürmt zur Tür hinaus.

„Ich frage mich wirklich, von wem er das mit den Wutausbrüchen hat“, seufzt Friedl nachdenklich. „Zuhause ist er gar nicht so aufbrausend, zumindest nicht mehr als ich es von einem pubertierenden Jungdrachen erwarten würde.“

„Vielleicht wird er von den Kindern gehänselt“, sagst du leise und stehst auf. Dass Menschen auf Drachen losgehen, ist nicht neu. Ihr seid nicht die einzigen eurer Art, die versuchen, sich anzupassen und zu integrieren, wie die Politik es nennt. Ihr tut euer Bestes, aber es gibt immer jemanden, der gegen euch ist. Selbst jetzt, nach über 70 Jahren, die ihr aus eurer Höhle in den Wäldern in die Stadt gezogen seid. Aber selbst eure große Lebensspanne macht den Menschen Angst. Und alles, was Menschen Angst macht, wird von ihnen angegriffen. Selbst wenn ihr nur am Bahnsteig steht und auf die U-Bahn wartet, ruft jemand die Polizei – euch ist das Fliegen aus Sicherheit für den Flugverkehr verboten worden, dabei ist Fliegen in zehn Kilometern Höhe sogar für euch ungesund.

„Noch ein Grund, warum ich nicht möchte, dass er zu deinem Vater geht“, sagt Friedl energisch. Als du sie fragend ansiehst, fährt sie fort: „Wenn er wirklich gehänselt wird, sollte er nicht von einem traditionellen Drachen gemaßregelt werden. Es geht um ein friedliches Miteinander und nicht darum, jeden aufzufressen, der einem auf die Nerven geht.“
Du stehst auf und richtest deine Krawatte – eine Sonderanfertigung, lang genug, um deinen breiten schuppigen Hals zu umschlingen. „Was empfiehlst du denn einem pubertierenden Drachen, der wegen seines Andersseins von Kindern gehänselt wird? Natürlich schlägt er um sich, weil er stärker ist und sich nicht anders zu helfen weiß. Und davor haben doch alle Angst. Vor unserer Stärke. Deswegen dürfen wir nicht fliegen und bekommen so schwer Wohnungen. Weil sie alle Angst davor haben, dass wir uns auflehnen und die Menschen wieder unterdrücken wie in der alten Zeit.“ Du bückst dich und greifst vorsichtig nach dem winzigen Aktenkoffer, der dich schon fast dein ganzes Arbeitsleben begleitet. Ein Geschenk von Friedl zum ersten Arbeitstag in der Behörde – natürlich feuerfest.

„Ich weiß nicht, was ich ihm raten soll, sonst hätte ich es getan, bevor er auf der Schule für schwer erziehbare gelandet ist.“ Friedl wirft hilflos die Hände in die Höhe. Eine Geste, die sie erst macht, seit ihr in die Stadt gezogen seid und immer öfter benutzt. Das hast du ganz genau beobachtet.

„Ich muss los, Liebling. Wir sehen uns heute Abend.“ Du drückst ihr einen Kuss auf die Wange und nimmst die Reste vom Frühstück mit. Den Teller mit den Essensresten stellst du auf den Balkon, wo du noch kurz eure beiden Katzen streichelst. Kasimir, ein schwarzer kurzhaariger Kater mit einer hässlichen Narbe an der Flanke, die seinen halben Körper verunstaltet; und Hasso, ein rot-schwarzer Angora-Kater, dessen Fellzeichnung irgendwie an Flügel erinnert. Hasso war ein Geschenk von Freunden hier im Haus gewesen. Kasimir dagegen ein Streuner aus dem Tierheim, den eure Tochter Sabine mit nach Hause gebracht hatte. „Weil ihn niemand gern hat. So wie mich“, hatte sie damals gesagt und du hast den Kater gern behalten, weil er das Glitzern in die Augen deiner Tochter zurückgebracht hat. Sie hatte auch eine Zeit gehabt, in der alle Kinder sie gemieden hatten. Weil sie der Drache in der Klasse war, das einzige Drachenkind im ganzen Jahrgang. Aber der Kater hatte ihr geholfen und Fotos von ihm waren ein guter Gesprächseinstieg gewesen und so hatte Sabine später Freunde gefunden.

Etwas schwerfällig erhebst du dich und verlässt, mit einem letzten Zwinkern in Richtung Friedl, die Wohnung. Du merkst deine 207 Jahre, während du auf die Treppe zugehst. Du würdest gern den Aufzug nehmen, aber du überschreitest die Maximalbelastung des kleinen Blechkastens. Und die drei Stockwerke nach unten fliegen darfst du auch nicht. Das hat dir vor fünf Jahrzehnten schon ein Bußgeld eingebracht, weil einer deiner Nachbarn dich gesehen und die Polizei gerufen hat. Du siehst heute noch den Lauf des Gewehrs vor dir, mit dem der Hobby-Jäger-Nachbar dich bedroht und an Ort und Stelle gehalten hat, bis die Polizei gekommen war. Nie wieder, hast du dir damals geschworen. Nie hättest du gedacht, dass die Stadt so viel gefährlicher sein könnte als die Region um eure Höhle. Aber die Tante hatte damals so geschwärmt von der fremden Welt. Du und Friedl, ihr habt an ihrer Angel gehangen, aber der Haken war schmerzhafter gewesen, als ihr gefürchtet hattet.

*

Auf dem Weg zur U-Bahnstation grüßt du durch das Schaufenster in die kleine Bäckerei an der Ecke. Ihnen hast du zufällig geholfen, vor 42 Jahren, zwei Monaten und sechs Tagen, das weißt du noch ganz genau. Der Ofen war ausgefallen und eine riesige Bestellung hatte angestanden, also hast du dich einen Tag lang an den Ofen gesetzt und ihn mit deinem Feuer auf Temperatur gehalten, bis alle 200 Semmeln und 50 Brote gebacken waren. Die Backstube war für die Menschen unerträglich heiß geworden und trotzdem waren sie dir dankbar gewesen. Dankbarkeit siehst du selten, deshalb hast du es dir so genau merken können.

Auf dem U-bahn-Bahnsteig erschrickt jemand, als du mühsam die Treppe herunterkommst. Wieso müssen die Stufen auch so schmal sein? Du wunderst dich nicht mehr darüber, dass Menschen vor dir erschrecken, du wunderst dich nur darüber, dass sie es immer noch tun. Schließlich fährst du jetzt seit 40 Jahren den gleichen Weg zur Arbeit. 40 Jahre und immer noch erschrecken Menschen vor dir auf demselben Bahnsteig. Du seufzt innerlich und grüßt den Erschrockenen freundlich mit einem kleinen Nicken, aber er lässt dich trotzdem nicht aus den Augen. Du hast vor langem gelernt, dass du Menschen nicht mit einem Grinsen grüßen solltest, auch wenn du es nur gut meinst. Der Anblick deiner unterarmlangen Reißzähne erschreckt sie erfahrungsgemäß nur noch mehr.

Die Fahrt mit der U-Bahn dauert nicht lange, du blockierst nur 10 Minuten lang einen halben Wagen. Du bist der Grund dafür, dass auf dieser Linie immer ein Wagen mehr angehängt wird als auf allen anderen Linien. Immerhin ist Rush Hour. Eine neumodische Bezeichnung, deren Bedeutung du nicht ganz erfassen kannst. Als du in der Stadt ankamst, hieß das noch Stoßzeit.

Nachdem du dich die winzigen Stufen wieder hochgequält hast, stehst du vor dem Stahlbetonbau, in dem du seit 40 Jahren arbeitest. Das Finanzamt. Du arbeitest aber nicht als Sachbearbeiter an einem Schreibtisch. Nein. „Ihre Talente können wir in einer anderen Abteilung viel besser gebrauchen“, hatte der Personaler damals gesagt und ein Pilotprojekt gestartet: Drachen als Steuerfahnder und Pfändungsbeamte. Nicht, dass du eine Chance auf Verbeamtung hättest, dafür lebst du viel zu lange. Außerdem gäbe es keine Richtlinien für die Verbeamtung von Drachen, hatte es damals geheißen. Man arbeite aber daran. Das sagen sie seit 20 Jahren. Du hast das Nachfragen aufgegeben.

„Achim! Guten Morgen!“, ruft dir ein Kollege am Eingang der Behörde zu und du winkst ihm. Michael ist ein netter Kerl, erst seit sechs Monaten hier. Der junge Mann hat sich schnell an dich schuppigen Kollegen gewöhnt, eine nette Abwechslung für dich.

Du kennst die Namen aller Beamten im Haus. Namen sind deine große Stärke. Zwar nicht die Gesichter, aber du verknüpfst sie mit ihren individuellen Gerüchen, deswegen bist du auch einer der ‚Auserwählten‘, der die Zwillinge Lana und Esther auseinanderhalten kann. Michael riecht immer nach dem Waschmittel seiner Mutter.

Wie jeden Morgen fragt dein junge Kollege dich auf dem Weg ins Büro neugierig aus. Eine weitere nette Abwechslung. Er ist immerhin ehrlich interessiert und möchte dich besser kennenlernen. Er fragt nicht, um einen Vorteil daraus zu schlagen oder die Information später gegen dich zu verwenden. Für solche Menschen hast du ein Gespür entwickelt. Seit du kurz nach eurem Einzug den falschen Menschen vertraut hast, die vorgaben, euch helfen zu wollen, um dann im richtigen Moment Gerüchte zu streuen, und euch die Wohnungssuche erschwerten, um selbst die guten Wohnungen zu bekommen.

„Wieso bist du hierher gezogen, Achim?“, fragt Michael heute. „Wieso in die Stadt zu den Menschen?“

„Ich bin wegen der Liebe hergezogen. Friedl fand die Stadt so schön. Neu und exotisch. Dann musste ich mir natürlich auch einen Job suchen, um Geld zu verdienen. Aber wer stellt schon einen Drachen ein? Sieh mich an, wir sind groß, grün und schuppig. Wir können fliegen und speien Feuer. Die meisten haben Angst vor uns.“

„Wie hast du den Job hier bekommen?“, fragt der junge Mann weiter. Er hängt gespannt an deinen Lefzen.

„Erst hab ich als Türsteher eines Nachtclubs gearbeitet, da war mein Aussehen natürlich von Vorteil. Ich war bekannt in der ganzen Szene. Zweimal hab ich sogar einen Job als Bodyguard eines Promis bekommen“, schwärmst du.

„Wow, wen hast du beschützt?“

„Brian Connolly.“ Stolz drückst du die Brust raus und musst dich gleich wieder vor einer tief hängenden Lampe ducken.

„Wer?“

Du stutzt. Wie kann jemand diesen Mann nicht kennen? Du merkst wieder einmal dein Alter. „Brian Conolly! Der Sänger von The Sweet!“

„Kenn ich nicht.“ Michael zuckt mit den Schultern.

Du schüttelst nur ungläubig den Kopf und biegst in dein Büro ab. Es ist ein spezielles Büro. Du bist der Einzige in der ganzen Abteilung, der ein Einzelbüro hat. Die Chefs hatten Angst, dass du jemanden abfackelst oder frisst. Obwohl du dich kleidest wie alle anderen und mehr als höflich bist – es aus Rücksicht damals schon warst – sahen sie immer nur den Drachen in dir. Egal wie sehr du dich bemüht hast. Sie haben dir wechselnde Partner zur Seite gestellt, immerhin kann man einen Drachen als Steuerfahnder nicht alleine auf die Welt loslassen. Obwohl du oft höflicher bist als deine menschlichen Partner. Keiner von ihnen hat es so lange mit dir ausgehalten wie deine jetzige Partnerin: Renate Singer. Sie hatte sogar einen Schreibtisch in dein Büro stellen lassen wollen, aber der Bereichsleiter hatte es untersagt. Man könne das Risiko nicht eingehen. Da hatte sie den Tisch einfach selbst in das Zimmer geschoben und am Boden verschraubt, damit das Möbelstück an Ort und Stelle bleiben musste. Sie kann sehr trotzig sein. Du stellst den Aktenkoffer auf deinem steinernen, feuerfesten Schreibtisch ab und wünschst deiner Partnerin einen guten Morgen.
Sie erwidert den Gruß und kommt sofort zur Sache: „Wir haben heute wieder einen Fall, dem wir einen Hausbesuch abstatten müssen.“ Renate gibt dir lächelnd eine Akte. Du bekommst immer nur Kopien, weil du in deiner ersten Woche aus Versehen eine Originalakte angezündet hast. Aber keiner wollte auf dich hören, als du beteuert hast, dass der winzige Flammenball – er war wirklich winzig gewesen! – deiner Nervosität geschuldet war.

„Sie heißt Marina Stelzmüller. Ihre Steuernachzahlung ist überfällig und sie will ihre Vermögensverhältnisse nicht offenlegen. Wir haben die Vermutung, dass mit den Büchern ihres kleinen Schmuckladens etwas nicht stimmt, deswegen sollen wir beide vorbeigehen“, erklärt deine Partnerin, während du die Akte durchsiehst. Sie rückt ihre Brille auf der Nase zurecht. Ein Tick, den sie selbst nicht bemerkt.

„Da soll ich mit?“, fragst du irritiert und musterst das Foto der Frau mittleren Alters. „Die Arme erschreckt sich doch zu Tode.“

Renate sieht dich verständnisvoll an. „Ich glaube auch nicht, dass du unbedingt mitkommen musst, aber Konrad will es so. Du gehst bald in Rente und er hat nicht viel Schreibtischarbeit für dich, sagt er. Und er hat Angst, dich hier alleine rumsitzen zu lassen.“ Sie zuckt mit den Schultern und lächelt dich an. „Und ich freue mich über deine Gesellschaft.“

Du erwiderst das Lächeln – sie erschreckt sich nicht vor deinen Zähnen – und wartest, während Renate ihren Mantel holt und wieder einmal ihre Hornbrille zurechtrückt. Gemeinsam macht ihr euch auf den Weg nach draußen. Frau Stelzmüllers Wohnung liegt am anderen Ende der Stadt. Ihr werdet mit der U-Bahn hinfahren, so wie immer. Das gefällt dir an Renate. Du hattest schon Partner, die alleine mit dem Auto losfuhren und dich mit der U-Bahn oder zu Fuß nachkommen ließen. Nicht sie. Sie fährt immer mit dir in den stickigen Waggons. Der Bahnsteig ist kaum gefüllt um diese Zeit, die Bahn wird recht leer sein. Genau der Grund, wieso ihr Hausbesuche vormittags macht.

Renate schiebt ihre Brille höher, streckt sich neben dir und drei ihrer Wirbel knacken. „Es wäre so viel einfacher, wenn du fliegen dürfest. Dann wären wir viel schneller. Ich würde so gerne mal auf einem Drachen reiten. Weißt du, als Kind hab ich die Eragon-Reihe verschlungen. Ich wollte durch die Luft fliegen wie er und Saphira.“ Ihr Gesicht blüht mit einem träumerischen Ausdruck auf und du nimmst dir vor, ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Wenn du in Rente bist, wirst du sie auf einen Ausflug in die Wildnis mitnehmen und auf deinem Rücken tragen. Als Dankeschön dafür, dass Renate nett zu dir ist und keine Angst hat. Du wünschst dir oft, dass du sie früher als Partnerin bekommen hättest, dein Leben wäre angenehmer verlaufen.

*

„Da sind wir.“ Renate stemmt die Hände in die Hüften und rückt die Hornbrille zurecht. Ihr steht vor einem netten, schmalen Altstadt-Haus, das ein paar kleinere Renovierungen nötig hätte.

Deine Partnerin klingelt und spricht in die Gegensprechanlage: „Hier ist das Finanzamt. Machen Sie bitte auf, Frau Stelzmüller.“ Keine Antwort. Renate drückt den Klingelknopf wieder und sagt ihren Satz auf. Du stellst dich auf die Hinterbeine, richtest dich zu voller Größe auf und spähst durch die Fenster im ersten Stock. Einer der Vorhänge bewegt sich und ein erstickter Schrei ertönt. Dann ein Poltern, bevor die Tür aufgerissen wird.

„Was wollen Sie von mir?“, ruft die arme Steuersünderin verschreckt.

„Wir würden uns gerne Ihre Vermögensverhältnisse ansehen“, antwortet deine Partnerin lächelnd. „Keine Sorge, der Drache ist handzahm. Sein Name ist Achim Rüdiger.“

Frau Stelzmüller entspannt sich sofort. Ihre Augenbrauen ziehen sich zusammen. „Ein Drache namens Achim Rüdiger?“ Sie mustert dich skeptisch. „Bei dem Aussehen sollte er doch eher ‚Meseth‘ oder ‚Sharok‘ heißen? Oder ‚Saphira‘.“ Ihr Ton ist abwertend und verpasst dir den gewohnten Stich. Du wirst dich niemals dran gewöhnen.

„Als wir hergezogen sind, haben wir unsere Drachennamen abgelegt und Menschennamen angenommen“, erklärst du mit deiner donnergleichen Stimme, die die Frau dann doch zusammenzucken lässt. Du senkst die Stimme.

„Drachennamen sind für Menschen schwer auszusprechen. Das Grollen und Fauchen unserer Sprache ist für euch nicht möglich.“

Frau Stelzmüller schnaubt verächtlich und murmelt etwas von „Wurzeln verleugnen“.

„Dürfen wir reinkommen, Frau Stelzmüller?“ Renate drängt sich an der Steuersünderin vorbei und ist im Haus, ohne auf eine Antwort zu warten.

Du folgst vorsichtig, legst die Flügel an und faltest deinen großen Körper durch die kleine Tür. Widerwillig führt die Hausherrin deine Partnerin in ihr Arbeitszimmer zu den Unterlagen. Du legst dich auf das Parkett in dem ausladenden Eingangsbereich, der die Diele, eine offene Küche und ein offenes Wohnzimmer umfasst. Vorsichtig parkst du dich rückwärts zwischen die Küchentheke und den antiken Wohnzimmertisch ein, rollst den Schwanz um das Sofa und versuchst eine halbwegs bequeme Position zu finden. Hoffentlich kannst du dich noch bewegen, wenn Renate fertig ist. Die Decken dieses Altbaus sind unterdurchschnittlich niedrig und zwingen dich, flacher als sonst auf dem Boden zu liegen. Wie eure Katzen, wenn sie sich unter den Möbeln verstecken. Die Nähte deines Anzugs knacken gefährlich, geben zum Glück aber nicht nach. Dir ist aber schmerzhaft bewusst, dass du jetzt mehr wie eine große Katze aussiehst als ein furchterregender Drache. Du wartest nur noch darauf, dass eure gehässige Steuersünderin dir ein Schälchen Milch vors Maul stellt. Aber Frau Stelzmüller bringt nur Renate eine Tasse Kaffee und zeigt ihr die Ordner. Deine Partnerin wird eine Weile beschäftigt sein, so eingeklemmt bist du ihr keine große Hilfe.

Frau Stelzmüller macht es sich in einem Stuhl neben dir bequem, nippt an einer Tasse Lavendeltee – du erkennst ihn am starken Geruch – und mustert dich unverhohlen.

„Ich dachte, das Drachenprogramm des Finanzamts wäre nur ein Gerücht“, fängt die Dame an. „Hat dir das Amt eine Wohnung gestellt? Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand eine Wohnung an einen Drachen vermietet.“

Dich stört, dass sie dich duzt, aber du weißt aus Erfahrung, dass solche Menschen nur schnippisch werden, wenn du sie darauf hinweist. „Wir haben eine Wohnung in einem Wohnkomplex.“ Ist alles, was du antwortest.

„Wir?“, fragt Frau Stelzmüller und zieht die Augenbrauen hoch. „Hast du deine ganze Sippe nachziehen lassen? Habt ihr kein eigenes Land?“

„Die Menschen nehmen unser Land immer mehr ein. Sie drängen uns immer weiter zusammen und die Konflikte zwischen den Familien nehmen zu. Wir sind hierher gezogen, bevor kein Platz mehr für uns war.“ Du bist offen, weißt aber, dass die Frau nur einen Bruchteil davon hören wird. Es ist nicht deine erste Diskussion dieser Art und wird nicht die Letzte bleiben.

„Ach nun sind wir wieder Schuld?“

Du zwingst dich, nicht die Augen zu verdrehen. Sie öffnet den Mund für einen weiteren bösen Kommentar, wird aber von Renate gerufen.

In Gedanken bedankst du dich bei deiner Partnerin für die Pause. Nach ein paar Stunden entscheidest du dich, die Position zu verändern. Du legst deinen Schanz durch die Länge der Diele bis zur Haustür und wechselst dein Körpergewicht von der einen auf die andere Seite, während du hoffst, dass Renate bald fertig ist. Die Rettung für deine gequälten Muskeln kommt allerdings zu einer anderen Türe herein.

Kurz nach Mittag wird die Haustüre mit einem Knall aufgeschlagen und ein junger Mann mit einem langen zweischneidigen Schwert – gut verarbeitet, so eins hast du lange nicht mehr gesehen – steht im Flur. Dein erster Gedanke ist: „Nicht schon wieder“. Er schreit etwas, aber du hörst nicht zu, kennst den Text schon auswendig. Renate und Frau Stelzmüller kommen angerannt und beobachten die Szene überrascht, wobei du bemerkst, dass deine Partnerin genervt die Augen verdreht.

Du hast die Wahl: Frisst du ihn oder erschlägst du ihn mit deinem schuppigen Schwanz? Du entscheidest dich für keins von beidem, solltest dich in Zurückhaltung üben. Nicht noch ein Rüffel vom Bereisleiter diesen Monat. Du stößt einen tiefen Seufzer aus und grillst ihn versehentlich mit deinem Drachenfeuer.

„Achim! Das ist schon der Dritte diesen Monat!“ Renate fährt sich mit einer Hand übers Gesicht. Der Papierkram dafür wird dich bis zur Rente beschäftigen.

Du entschuldigst dich, ohne es ernst zu meinen. „Mit dem Alter werden wir etwas inkontinent“, versuchst du einen Scherz, aber Frau Stelzmüller steht nur da und starrt ihren rußgeschwärzten Flur an. Renate zückt seufzend ihr Handy und wählt den Notruf.

*

Bis ihr ins Finanzamt zurückkehrt, ist es fast dunkel.

„Hey, ich hab schön gehört, was passiert ist!“ Michael kommt dir lachend entgegen. Er findet es witzig, wenn du dich gegen Drachengegner wehrst – aus Versehen noch dazu. Seiner Meinung nach haben sie es verdient. Du bist zu müde, um jetzt noch Späße zu machen oder überhaupt darüber zu reden. Du nimmst dir deinen Aktenkoffer, verabschiedest dich und faltest dich wieder in die U-Bahn nach Hause.

*

Mit einem Ächzen setzt du dich an den Esstisch zu deiner Familie. Dennis sitzt dir gegenüber und spielt schon ungeduldig mit dem Besteck. Es dauert nicht lange, bis Friedl den Truthahn auf den Tisch stellt.

„Wie war es heute in der Schule?“, fragst du deinen Sohn.

Er grummelt etwas und du musst ein zweites Mal fragen, ehe er erzählt, dass er sich heute nicht geprügelt hat. Du erzählst von deinem Ausrutscher mit dem Helden, und anstatt wie früher darüber zu schimpfen, dass du besser hättest aufpassen sollen, oder, dass die Menschen euch nie verstehen werden, sacken nur die Schultern deiner Frau nach unten. Ebenfalls eine neue Geste, Friedl zeigt sie erst seit ein paar Jahren. Weil sich nichts ändert. Weil es eben nicht besser wurde, wie die Tante es vor 50 Jahren versprochen hatte. Irgendwann hat sie das Hoffen wohl aufgegeben.

Friedl erzählt von einem Treffen mit ihren Freundinnen im Haus und dass eure Tochter Sabine angerufen hat. Der Rest des Essens verläuft im typischen Schweigen. Sabine ist diejenige, die am Tisch jedes einzelne Detail ihres Tages erzählt. Jetzt, da sie zu ihrem Verlobten gezogen ist, herrscht an eurem Tisch meistens Stille.

Nach dem Essen setzt du dich in deinen alten Ohrensessel – Spezialanfertigung, damit dein Schwanz und deine Flügel eine bequeme Position beim Sitzen haben – und schlägst die Zeitung auf. Friedl macht den Abwasch und setzt sich dann mit einem Buch auf die Couch. Dennis liegt auf dem Boden und blättert in einer Zeitschrift.

„Vater?“, fragt dein Sohn plötzlich.

Du siehst überrascht von deiner Zeitung auf, er spricht dich abends selten an. „Ja, mein Junge?“

„Wann hast du das letzte Mal eine Jungfrau entführt?“

„Warum willst du was denn wissen?“, fragst du. Du hast ihm Geschichten aus deiner Jugend erzählt, als er noch ein Junges war. Kurze bunte Gute-Nacht-Geschichten. Aber du hast später nie wieder darüber gesprochen, weil Friedl Angst hatte, dass Dennis auf Menschen losgehen könnte.

„Wir haben im Unterricht eine Geschichte gelesen. Eine Frau wurde von einem Drachen entführt und der Drache war der Böse und musste getötet werden. Du hast mir früher auch Geschichten erzählt, aber wir waren nicht die Bösen. Also wann hast du das letzte Mal eine Jungfrau entführt?“

Du holst nostalgisch ein kleines Fotomäppchen aus der Tasche, das du immer bei dir trägst. Du hast alle Fotos der „guten alten Zeit“ aufbewahrt. All die Hübschen, die du dir selbst ausgesucht hast – und die Hässlichen, bei denen du beauftragt worden warst. Zu den Hübschen hatte es kostenfrei einen Snack gegeben. Mit passendem Zahnstocher. Die Hässlichen hatte meistens niemand abgeholt, die hast du dann als Festschmaus gekocht, um die Damen zu beeindrucken. Oh da ist sie ja, die üppige Waltraut. Bei der hast du dir damals so viel Mühe gegeben. Eine von den Hübschen. Sogar den Helden-Snack hast du nicht sofort verspeist, sondern gefangen und aufgehoben. Von ihm hast du ausnahmsweise auch ein Foto, denn die beiden waren das erste Essen für Friedl gewesen. Nach der ersten Verabredung. Ein wunderschöner Abend.

„Das ist schon über 70 Jahre her“, sagst du knapp.

„Hast du hier in der Stadt keine mehr entführt?“

„Nein. Wir leben mit Menschen zusammen, wir dürfen sie nicht mehr essen.“

Dennis nickt langsam. „Vermisst du es? Das Leben in den Wäldern?“

Du stockst und wirfst deiner Frau einen Blick zu. „Ja, ich vermisse es. Es war einfacher.“

„Wieso gehen wir dann nicht zurück? Ihr hattet doch eine Höhle und ein Jagdgebiet?“

„Dennis, darüber haben wir doch schon gesprochen“, mischt Friedl sich von der Küchentür aus ein. „Wir können nicht zurück.“

„Aber du hast nicht erklärt, warum, Mutter.“ Erwartungsvoll sieht Dennis dich an.

„Weißt du, mein Junge …“ Du seufzt schwer, denn du denkst nicht gern daran, dass euch nichts anderes bleibt, als weiter in der Enge der Stadt zu leben. „Das Gebiet unserer Familie wurde von den Menschen in Beschlag genommen. Pa lebt auf dem Gebiet von Freunden. Es gibt kein Zurück für uns.“

„Sie nehmen uns das Zuhause weg und schikanieren uns dann.“ Er schnaubt und ihm entfleucht dabei weder eine Rauchwolke noch eine Stichflamme.

Du wartest darauf, dass er noch etwas sagt, andeutet, dass er darüber noch weiter sprechen will, aber Dennis hebt energisch sein Magazin vom Boden auf und stürmt in sein Zimmer.

Friedl lässt sich mit einem verzweifelten Laut in den anderen Sessel fallen und sagt nichts weiter. Dir fällt nichts ein, was du ihr sagen könntest. Du hast ihr in den letzten 70 Jahren alles gesagt. All die unerfüllten Hoffnungen und Wünsche, die leeren Phrasen, die du von dir gegeben hast, sie stehen ungesagt im Raum. Füllen die Stille mit lautem Schweigen, bis deine Frau irgendwann aufsteht und ins Schlafzimmer geht. Du folgst ihr, schlüpfst wieder in den Pyjama, gibst Friedl einen Gute-Nacht-Kuss und stellst den Wecker. Wie jede Nacht dauert es nur ein paar ruhige Atemzüge, bis du einschläfst.

Und morgen wieder genau dasselbe.