Ein höllisch guter Techniker

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So viele ordinäre Menschen leben auf dieser Welt. So viele, die jeden Tag ihren Alltag bestreiten. So einen ordinären Alltag. Auf der anderen Seite gibt es die »Feuerwehrleute« in Unternehmen. Die, die sich jeden Tag mit den ordinären Wehwehchen der Technik herumschlagen – auch wenn das Problem manchmal eher vor dem Bildschirm sitzt als dahinter. (Entschuldige, wenn ich an dieser Stelle von mir auf andere schließe.) Und unter all diesen umgangssprachlichen »Feuerwehrleuten«, die nie auch nur ein einziges echtes Feuer löschen, gibt es Egon. Egon Schienle, seines Zeichens IT-Hilfsdienst bei einem großen Unternehmen, das an dieser Stelle lieber anonym bleiben möchte. Nennen wir es der Einfachheit halber T. Aber Egon arbeitet nicht nur bei T, er hat auch noch einen außergewöhnlichen Nebenjob. Nun, bevor ich dich hier mit Beschreibungen langweile, schauen wir doch in Egons Büro vorbei und sie es dir selbst an:

Drei schwarze Computerbildschirme thronen auf einem schweren Holztisch, dahinter ein Regal, vollgestopft mit Ordnern, Tastaturen und Kabeln. Das Licht ist aus und die Sonne taucht alles in friedliches Licht. Das Zimmer ist verlassen und auch auf dem Gang herrschte Stille.

Egon? Wo ist er denn? Oh, ich habe ganz die Zeit vergessen. Es ist Sonntagmorgen, da ist er natürlich nicht im Büro. Nun, dann besuchen wir ihn mal zuhause.

Egon kämmt das akkurat gestutzte, leicht angegraute Haar nach hinten und fährt sich über den Schnurrbart. Er schiebt die Hornbrille hoch und betrachtet sich ein letztes Mal im Spiegel. Dann stimmt er zufrieden ein Liedchen an und tänzelt leichtfüßig aus dem Bad.

»Möchtest du ein zweites Ei zum Frühstück?«, ruft sein Mann aus der Küche.

Egon öffnet den Mund zur Antwort, als sich im Fußboden unter ihm plötzlich ein Loch auftut. Bevor es ihn verschluckt, schafft er noch ein entnervtes Schnauben. Dann ist er weg.

»Egon?« Markus steckt den Kopf in den Gang. An der Stelle, an der er seinen Mann erwartet hat, liegt nur einen Kreis aus Asche. Er verdreht genervt die Augen. »Schon wieder?«

Das Schnauben folgt Egon bis an seinen Zielort. Dort öffnet sich ein Loch in der Decke und spuckt den IT-ler aus. Gekonnt und ächzend landet er auf den Füßen und geht leicht in die Knie, um den Schwung irgendwie abzufedern. Diese Transportart schlaucht seine armen Knie immer mehr.

»Guten Morgen Thot, was ist es diesmal?« Er nickt dem ägyptischen Gott der Schreiber grüßend zu, der den Empfang des Jenseits‘ leitet. Der Reiherkopf des Gottes erschreckt ihn zum Glück schon lange nicht mehr.

»Ist es noch Morgen? Entschuldige, Egon. Du weißt, wir haben hier unten keine Möglichkeit, die Zeit in der Welt der Lebenden im Blick zu behalten«, trötet der Gott.

Egon dreht sich um und blickt auf sechs große Uhren, die alle dieselbe Zeit anzeigen. Einmal hat er eine nach seiner Armbanduhr gestellt, aber sie war sofort zurück auf Jenseitszeit gesprungen. Wozu man aber sechs Uhren braucht, die die hiesige Uhrzeit anzeigen – die immerhin vier Uhrzeiger braucht – erschließt sich ihm bis heute nicht. Aber er fragt auch nicht mehr nach.

Egon stützt sich auf den dunklen Tresen aus Kirschholz. »Also, was gibt es?«

Thot dreht sich zur Seite und klopft auf einen grauen Kasten. »Der Computer erkennt meinen Drucker schon wieder nicht. Könntest du dir das nochmal ansehen?«

Er kommt um den Tresen herum und setzt sich auf einen freien Hocker. »Hast du wieder versucht, in einer anderen Abteilung etwas auszudrucken? Wie oft hab ich dir schon gesagt, dass du das nicht mehr machen sollst?« Egon fährt sich durch die Haare, sodass sie ihm wild vom Kopf abstehen. Dabei hatte er sie gerade erst zurecht gekämmt.

»Aber Tod hat so süße Fotos von Hatty geschickt und mein Drucker kann nur schwarz-weiß.«

Egon bewegt die Maus und ein Foto einer friedlich schlafenden, rot gestromerten Katze erscheint auf dem Röhrenbildschirm. Ein hingebungsvolles Seufzen entfährt dem Techniker. »Na gut. Ich verzeihe dir aber nur, weil es um Hades geht. Sie ist einfach zu süß. Wo steht denn der Farbdrucker?«

»In der Aufnahmeabteilung. Der Aktendrucker dort macht wunderschöne Fotos. Aber selbst das hat nicht funktioniert.«

Egon wechselt einen Blick mit dem Gott, dann schickt er den Druckauftrag an den Aktendrucker und richtet dann wieder den Empfangsdrucker ein. Der Techniker blickt an die Decke. Drei … zwei … Unter ihm tut sich wieder ein Loch auf.

Dieses Mal landet Egon in der Aufnahmeabteilung, drei Stockwerke westlich vom Empfang. Er hat nie verstanden, warum das Jenseits in Himmelsrichtungen und Stockwerksanzahl rechnet, aber er hat ein einziges Mal einen Lageplan der Verwaltungszentrale gesehen und sich sehr an einen wirren Schaltkasten erinnert gefühlt. Damals hatte er um den Teleportruf gebeten, der bei jedem Ruf das Loch unter ihm öffnet und ihn in die eine Abteilung bringt, die ihn braucht. So kann er sich immerhin nicht im Jenseits verlaufen.

»Egon!« Anubis kommt auf ihn zu. »Der Aktendrucker hat eben Fotos von Hatty ausgespuckt! Ohne Druckauftrag! Einfach so!«

Er räuspert sich und streckt die Hand aus. »Ja, ich kümmere mich darum. Kommt nicht wieder vor.«

Anubis blickt hinunter auf die Katzenfotos, dann wieder zu Egon. »Eins behalte ich hier als Beweismittel. Zur Sicherheit. Falls das wieder vorkommt.«

»Aber natürlich.« Egon verkneift sich ein Lachen. Er hat das Foto extra mehrfach ausgedruckt. Er weiß, dass Anubis‘ Schreibtisch mit Hatty-Fotos tapeziert ist. »Schickst du mich zu Thot?«

Der Gott mit dem Schakalkopf nickt und mit einem Handzeichen öffnet sich wieder das Loch unter dem Techniker. Doch als der landet, findet er sich nicht an der Rezeption wieder.

»Egon!«

Er dreht sich um und steht einer schmächtigen Person im schwarzen Hoodie gegenüber. Die Kapuze hängt so tief, dass er kein Gesicht sehen kann, aber er erkennt den Tod auch so. Aus der Bauchtasche des Hoodies lugt ein rot gestromerter Katzenkopf. Egon hält Hatty sofort die Hand hin, an der sie neugierig schnuppert.

»Kannst du dir mein Handy ansehen? Irgendwie hab ich meine Rufnummer unterdrückt und so erreich ich die Zentrale nicht.« Der Tod hält ihm ein Nokia 3210 hin. Er ist der einzige Grund, aus dem Egon vor ein paar Jahren ein Handbuch dieses alten Modells teuer antiquarisch erstehen musste. Was tut man nicht alles für die Kundschaft. Fünf Tastendrücke später ist das Problem behoben.

»Sag mal, warum trägst du denn Fotos von meiner Katze mit dir herum?« Der Tod deutet auf die Zettel in Egons Hand.

»Das … die sind für Thot.«

Er legt den Kopf schief. »Dreimal das gleiche Foto?«

»Thot … wollte eben mehrere!«

Der Tod kichert trocken. »Keine Sorge, ich hab längst gemerkt, dass du dir Fotos von ihr erschleichst.«

»Ihr bezahlt mich für diese Extraschichten eben nicht gut genug, also nehme ich mir als Trinkgeld Katzenfotos mit. Mein Mann hängt sie im Zimmer für unser Besuchskind auf. Der Junge liebt Katzen, aber ist allergisch.«

»Na wenn das so ist … Wenn du möchtest, füge ich dich zum Hatty-Newsletter hinzu. Dann gibt es regelmäßig neue Fotos von ihr.«

»Ja, unbed-« Egon wird unterbrochen, als er durch ein weiteres Loch fällt. Diesmal landet er wieder bei Thot. Er gibt 2 der 3 Fotos ab und schiebt das letzte in seine Hosentasche.

»Vielen Dank für deine Dienste, Egon.«

Der Techniker nickt. »Versucht, diesmal etwas länger durchzuhalten.« Er rutscht durch ein weiteres Loch und wird zielgenau an seinen Esstisch gebracht.

Markus springt mit einem spitzen Schrei auf, als sein Mann direkt neben ihm aus der Decke fällt.

»Ich werde mich nie daran gewöhnen!«, schimpft Markus.

»Hier, ich hab etwas, um dein Gemüt zu beruhigen.« Egon zieht das Foto aus seiner Tasche, legt es auf den Tisch und setzt sich.

»Oh, dieses süße Ding!«

»Der Tod hat angeboten, mich in den Hatty-Newsletter aufzunehmen. Also bekommen wir bald sehr viele Katzenfotos.« Egon lächelt und greift nach einem Brötchen.

»Das ist ja schön. E-Mails aus der Hölle. Das kann außer uns auch niemand erzählen. Weswegen haben sie dich denn diesmal gerufen?«

Egon schneidet sein Brötchen auf und beginnt zu erzählen.

Spiel mir das Lied … von der Telefonzentrale

CW: Tod, Erwähnung von Suizid

Ein VW-Bus bei Nacht auf einer Straße. Über ihm der Mond hinter Wolken.
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Er lehnt an der Wand in einer kleinen Gasse, die schwarze Kapuze tief ins blasse Gesicht gezogen. Er spielt mit einem Pokerchip zwischen den langen dünnen Fingern. Ein Souvenir von einem seiner Gäste. Der Chip ist schon ein paar Jahrzehnte alt, abgegriffen weil er ständig damit herumspielt, wenn er warten muss. Man sollte meinen, dass er nicht viel Freizeit hat, aber die Zeitrechnung auf der anderen Seite ist eben nicht immer genau. Manchmal kommt er zu früh, so wie jetzt.

Zum fünften Mal zieht er sein Notizbuch aus der hinteren Hosentasche und überprüft den aktuellen Namen. Hanna Ortego. Er schließt das Buch wieder und streicht über den grauen Einband. Dracula steht auf der Vorderseite, in dunkelroten Buchstaben. Er hat das Büchlein vor kurzem in einem Laden entdeckt und sowieso ein neues gebraucht – und immerhin hatte er Bram Stoker damals persönlich abgeholt und an die Pforte gebracht.

In der Bauchtasche seines schwarzen Pullovers miaut es leise und der Kopf eines kleinen, rot gestreiften Kätzchens taucht auf.

„Keine Sorge, Hades. Wir sind nicht mehr lange hier.“ Er krault das Kätzchen zwischen den Ohren und es schnurrt zufrieden.

„Die ist ja süß!“ Ein dunkelhäutiges, 16jähriges Mädchen steht vor ihm.

Er wirft wieder einen Blick in sein Notizbuch und fragt: „Hanna Ortego?“

„Sí, Sínor!“, antwortet das Mädchen grinsend.

„Ich bin hier, um dich zu holen. Folge mir.“ Er steckt das Dracula-Notizbuch weg und geht voraus.

„Um mich zu holen? Sind wir verabredet?“, wiederholt das Mädchen verwirrt.

Er bleibt stehen und dreht sich wieder zu ihr um: „Du weißt es noch nicht?“

„Was meinen Sie?“

Das klingt nach Überstunden. Mit einem genervten Seufzen holt er das Kätzchen aus seiner Känguru-Bauchtasche – er hatte sie sich extra anpassen lassen, damit Hades gemütlich darin schlafen kann. „Hier, halt Hades.“

Das Mädchen nimmt lachend das Tier an sich: „Hades? Ernsthaft?“

„Hanna, du bist tot. Ich bin hier, um dich mitzunehmen. Ins Jenseits.“ Er sagt es ruhig, leiert es herunter, weil er es ständig sagen muss. Wieso merken die meisten Menschen nicht, dass sie sterben?

Hades – oder Hatty, wie er sie manchmal liebevoll nennt – wird in Hannas Fingern fast zerquetscht, als ihr Verstand die Nachricht verarbeitet. Erschrocken lässt sie das Kätzchen fallen und entschuldigt sich gleich dafür.

„Keine Sorge, du kannst ihr nichts tun. Hades ist auch tot.“ Er fängt das Tier auf und krault es unter dem Kinn. Da hat sie es gern. „Sie wollte die Barke nicht besteigen und ich war einsam, also kümmere ich mich um sie.“

„Was bist du?“, fragt das Mädchen misstrauisch. Sie weiß nicht, ob sie über den Kerl in schwarz lachen, oder sich vor ihm fürchten soll.

Er seufzt wieder, zieht einen zerknitterten Zettel hervor und leiert wieder: „Man nennt mich den Tod. Ich sammle die Seelen ein und bringe sie zum Fährmann, der dich ins Jenseits bringt. Wie ich bei den Amerikanern immer sage: Call me Deaddy.“ Hanna starrt ihn mit offenem Mund an, aber er zuckt nur mit den Schultern: „Ich habe denen in der PR-Abteilung gesagt, dass es ein schlechter Witz ist. Sie wollen trotzdem, dass ich ihn erzähle.“

„PR-Abteilung?“ Der sprichwörtliche Bahnhof ist ihr praktisch ins Gesicht gemalt.

Er dreht auf den Fersen um und geht los: „Also wenn du ins Jenseits weiter willst, kommst du jetzt mit mir.“ Er steuert auf einen alten VW-Bus zu, der nur noch von Klebeband zusammengehalten wird. Man sieht es ihm nicht an, aber er fährt immer noch zuverlässig.

„Warte! Kommt jetzt nicht die herzerwärmende Szene, in der der Tod sich darum kümmert, dass die tote Seele Abschied nehmen kann, damit sie nicht als Rachegeist zurückbleibt?“, ruft Hanna und holt zu ihm auf.

„Dafür hab ich seit der Erfindung des Krieges keine Zeit mehr. Steig ein, oder bleib hier. Mein Zeitplan ist zu eng für falsche Tränen und rührseliges Gelaber.“ Er zieht die hintere Tür auf und schubst das Mädchen auf die erste Reihe der Rückbank. Dann setzt er sich hinters Lenkrad.

Der Bus erwacht ratternd zum Leben. Er ist auch ein Souvenir eines Gastes. Hauptsache, der Tod kann viele Leute gleichzeitig zur Barke bringen. Effektivitätssteigerung. Noch so ein tolles Wort, das sich die PR-Abteilung ausgedacht hat, zusammen mit dem HR. Seit die Kriegswaffen immer effektiver werden, bekommt er stetig mehr Arbeit. Deswegen hatte man vor ein paar Dekaden den alten Charon aus dem Ruhestand geholt. Damit der Tod die Seelen nicht mehr bis zur Pforte bringen muss. Arbeitsteilung nennen sie das. Außerdem kosten Altersteilzeitkräfte nicht so viel wie ein Neuzugang, den man erst einarbeiten muss. Charon kennt den Weg schon.

Hades in seiner Bauchtasche miaut wieder.

„Kann ich sie halten?“ Ein kleiner rotblonder Junge sitzt in der hintersten Reihe. Busunfall in einem nordenglischen Dorf. Ihm hat er sich wenigstens nicht vorstellen müssen. Der Junge hatte sofort verstanden, dass er tot ist. Helles Köpfchen, schade drum.

„Gib dem Knirps das Vieh. Er fragt schon die ganze Zeit danach.“ Ein breitschultriger Russe eine Reihe vor dem Jungen. Erfroren in der Tundra. Er streckt seine blauen Hände nach dem Kätzchen aus, will es weiterreichen.

„Nein! Ich will Hades halten! Ich hab sie am meisten verdient!“ Eine junge blonde Frau neben dem Russen. Amerikanerin. Hübsch, aber etwas nervig. Erschossen bei einem Amoklauf. Sie redet ständig vom Bowling Green Massaker, aber an das kann er sich einfach nicht erinnern. Dabei müsste er sich an so viele Seelen erinnern können, er hätte den Bus bis unters Dach voll gehabt.

„Der Kleine hat schon was zum kuscheln!“, ereifert sich die Blondine.

Ein Knurren kommt von der letzten Bank. Ein Grizzley-Junges neben dem kleinen Engländer. Von Wilderern getötet. Eigentlich nimmt er keine Tiere mit, für die ist er nicht zuständig – im Gegensatz zu den Menschen finden die Tiere den Weg zur Pforte ohne Hilfe. Aber hin und wieder, wenn ihm langweilig ist, nimmt er ein wildes Tier mit. Nur, um zu sehen, wie seine anderen Gäste reagieren.

Hanna setzt sich unsicher in die erste Reihe, ganz nah ans Fenster. So geht es jedem Neuzugang in seinem Bus, aber sie lernen sich alle schnell kennen. Oder prügeln sich. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie er Osama Bin Laden abgeholt hat. Er hat den Fehler gemacht, die Amerikaner vorher nicht auszuladen. Eine wüste Prügelei war entstanden. Die Toten können nicht sterben, aber sie hätten fast den Bus zum Umkippen gebracht. Oder die fünf Kerle, die er vom Spring Break abgeholt hatte – Alkoholvergiftung gepaart mit unterschiedlichen Drogen – die um Teufel komm raus wieder high sein wollten und versuchten, die Sitzpolsterung zu rauchen. Er könnte jahrelang Geschichten erzählen.
Er nimmt das Kätzchen aus der Bauchtasche und setzt es auf seine Schulter, als er den Wagen auf die Straße lenkt. Hades steuert zielstrebig auf den Beifahrersitz zu, wo ein stilles, schwarzhaariges, blasses Mädchen sitzt. Mit ihren schwarzen Klamotten wäre sie perfekt für seinen Job. Selbstmord in Norwegen. Sie wird zwar mit den anderen zu Charon kommen, das Jenseits aber durch den Angestellteneingang betreten. Selbstmörder landen alle im bürokratischen Apparat – in der Hölle wie die Lebenden es nennen. Er beneidet sie nicht darum, aber sie wird einer weiteren Idee der PR-Abteilung zum Opfer fallen: Selbstmord als Bewerbung. Ja, so manche Umstrukturierung schafft eben auch Arbeitskräftemangel.

Er zieht sein Dracula-Notizbuch aus der Tasche. Nächster Halt: Kroatien. Zwei oder drei wird er noch in seinen Bus setzen, dann wird er zu Charon fahren und die Fuhre auf die Barke bringen. Er muss ausladen, sonst passen die vielen Toten aus dem Kriegsgebiet, die dann auf der Liste stehen, nicht rein.
Er sieht in den Rückspiegel. Hanna, das krebskranke Mädchen aus Spanien freundet sich schon mit den anderen an. So sehr er die Maßnahmen der Oberen auch hasst, mit so vielen zu Reisen macht ihm doch mehr Spaß als früher.

„Da sollen wir einsteigen?“ Die Amerikanerin starrt angewidert auf die alte, schmucklose Holzbarke, die vor ihr im ruhigen Wasser liegt. Der kleine Engländer mustert indessen neugierig Charon, der neben der Barke am Steg steht. Sie hatten ihn nicht davon abbringen können, die ehemals schwarze, abgerissene, zerfledderte, ausgewaschene Kutte gegen etwas Neueres auszutauschen. Er ist eben der traditionelle Typ. Das riesige Kleidungsstück hängt an seiner klapperigen Figur herunter wie ein zerfetztes Laken an einer Vogelscheuche. Er sieht wirklich aus wie ein Reaper.

„Hier.“ Der Tod streckt Charon ein Klemmbrett hin. Der Lieferschein. Der alte Gott setzt sein Zeichen und mustert seine Fracht.

„Habt ihr euren Obulus griffbereit?“, fragt er. Seine Stimme klingt, als würde man zwei Schmirgelpapiere aneinander reiben. Die Seelen schauen ihn an wie eine Herde Schafe, bis er in schallendes, raspelndes Lachen ausbricht.

„Nur ein Scherz aus alten Zeiten. Kommt schon, steigt ein.“ Er hält die blasse Selbstmörderin fest und zieht einen Stempel aus den Falten seiner Kutte. Der alte Fährmann holt aus und stempelt dem Mädchen das Wort Sonderzustellung auf die Stirn. Damit er daran denkt, sie am Hintereingang abzusetzen. Er wird immer vergesslicher. Das Mädchen protestiert kurz, sagt aber nichts weiter.

„Wie geht’s Hades?“, fragt Charon.

Das Kätzchen streckt den Kopf aus der Bauchtasche und schnurrt. Zwei knochige Finger strecken sich nach ihr aus und kraulen sie unter dem Kinn. „Bis zum nächsten Mal, Deaddy.“ Er lacht wieder.

Der Tod hebt die Hand zum Gruß und steigt wieder in seinen VW-Bus. Er zieht sein Dracula-Notizbuch heraus und mustert die Einträge. Er streicht Hanna Ortego durch. Es hat sich wieder etwas geändert. Noch mehr Tote im Kriegsgebiet, er wird zweimal fahren müssen. Schon wieder Überstunden. Nicht, dass er jemals frei hätte. Gestorben wird immer.

Er schnallt sich an und zieht ein altes Nokia 3310 aus dem Handschuhfach, während Hades sich auf dem nun leeren Beifahrersitz zusammenrollt. Der Tod drückt eine Schnellwahltaste und hört die Warteschlangenmusik: Ode to Death von Gustav Holst. Er wiegt sich im Rhythmus der klassischen Musik hin und her, summt mit, weil er die Melodie längst auswendig kennt. Nach fast 100 Jahren könnte man die Warteschleifenmusik endlich tauschen. Etwas Neueres nehmen. Seit 50 Jahren wirft er Songtitel in das Beschwerden-Kästchen der PR-Abteilung, aber es hilft nichts. Die Ode an den Tod sei so viel passender, da wäre nichts vergleichbares.

„Telefonzentrale, Sie sprechen mit Thot“, nuschelt endlich eine trötende Stimme. Muss am Ibiskopf liegen. Der ägyptische Gott des Wissens und der Schreiber. Er ist auch ein Opfer der Altersteilzeit, hält sich aber weit besser als der Fährmann. Vielleicht vergisst er auch nichts, weil er die Angewohnheit hat, alles aufzuschreiben, natürlich in Hieroglyphen. Niemand kann seine Memos lesen. Er könnte auch in einer verständlicheren Schrift schreiben, aber er liebt es, seine Mitgötter und den ganzen Verwaltungsapparat zu ärgern und aufzuhalten.

„Hier ist dein Namensvetter“, antwortet der Tod mit seiner üblichen Floskel. „Ich hab eben eine Ladung bei Charon abgesetzt. Er ist jetzt unterwegs.“

„Gut, ich gebe Anubis Bescheid“, nuschelt Thot. Anubis. Seit niemand mehr die Toten in Bandagen wickelt, ist er arbeitslos und kümmert sich jetzt um die Einkleidung und Führung der Neuankömmlinge. Wenn man von dem Hundekopf absieht, ist er ein toller Rezeptionist. Bei dem Gedanken zuckt der Tod mit den Achseln.

„Verbindest du mich mit der Verwaltung?“, bittet er Thot.

„Verbindung mit der Verwaltung, kommt sofort.“ Die trötende Stimme wird wieder von der Ode an den Tod abgelöst.

Er wartet weitere fünf Minuten in der Warteschlange, bis eine alte, aber diesmal weibliche Stimme sich meldet: „Zentralverwaltung, Hel am Apparat.“

„Ich bin’s“, antwortet der Tod.

„Was gibt es?“, kommt die inoffizielle Leiterin des Jenseits sofort zur Sache. Er hört das Klackern einer Tastatur. Sie hat immer viel zu tun. Die Seelen koordinieren, die Belegung der verschiedenen Jenseitsbereiche überwachen und ihre Mitarbeiter kontrollieren. Sie ist eine von der Sorte, die zwar delegieren, insgeheim aber keine Verantwortung abgeben kann. Würde Hades seine Arbeit etwas ernster sehen, hätte sie nicht so viel davon.

„Ich hätte gern einen größeren Bus oder ein Flugzeug und ein neues Telefon. Und Spielzeug für meine Katze. Und einen Tag frei“, antwortet er grinsend.

„Du weißt, dass wir unsere Technologie nicht auf die andere Seite mitnehmen können, das gilt in beide Richtungen“, entgegnet Hel genervt. „Und wir können die Leute nicht einen Tag lang nicht sterben lassen.“

Er lacht. Er versucht jedes Mal, einen Witz zu reißen, aber eher stirbt Hades, als dass Hel zu einer lustigen Gottheit wird.
„Charon ist eben mit der neuen Fracht losgefahren. Eine neue Bewerberin ist dabei“, sagt er deswegen wieder ernst.

„Noch eine Seele mit einem Stempel auf der Stirn? Ich werde sie abholen lassen. Hoffentlich vergisst er nicht wieder, sie abzusetzen.“ Hel seufzt. „Wo ist deine nächste Anlaufstelle?“

„Kriegsgebiet. Es kommt viel Arbeit auf uns zu“, antwortet der Tod.

„Sieh es mal so: Wir sind der einzig stabile Arbeitgeber. Wir werden immer Arbeit haben. Gestorben wird immer.“

„Hauptsache die Zahlen stimmen, was?“ Er stößt ein kaltes Lachen aus und beendet das Telefonat.
Mit einem Seufzen greifen seine Hände das Lenkrad. Auf zu den nächsten Seelen, die er abholen soll.