Das muss die Saison der Katharina Spiegel sein

CW: Sexismus, Rassismus

Ein Herbstwald, im Vordergrund eine Person von hinten mit langen Haaren, einem spitzen Hut, einem schwarzen Umhang und einem Besenstiel in der Hand.
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Es war einmal vor langer Zeit eine Hexe. Na gut, das ist übertrieben. Die Hexe unserer Geschichte war damals Ende 20, trug am liebsten Jeans und Band-T-Shirts und arbeitete in der Buchhandlung um die Ecke. Weil sie Heilzauber beherrschte, war sie eine der Ersthelferinnen; weil sie Feuer ersticken konnte, war sie auch Brandhelferin; und weil sie in die unmittelbare Zukunft sehen konnte, gingen an der Kasse niemals die Thermopapierrollen für die Belegdrucker aus.

Nun könnte man sagen, sie wäre zu Höherem berufen gewesen. Das wusste sie. Sobald ein Dämon oder der Weltuntergang am Laden vorbeiginge, wäre sie bereit, die Brille abzusetzen wie Supergirl. Nur, dass unsere Hexe tatsächlich schlecht sah und ihre Brille besser wieder aufsetzen sollte, bevor sie statt des Weltuntergangs den Dackel vom alten Herrn Braun erwischte. Wobei sie den alten Mann sowieso noch nie gemocht hatte. Er war Stammkunde, aber deswegen nicht weniger unangenehm. Er kam ihr und ihren Kolleginnen immer zu nah und ließ in einer zermürbenden Regelmäßigkeit rassistische Sprüche über eine der dunkelhäutigen Kolleginnen fallen. Alina und Imke wehrten sich verbal, aber er lachte nur. Daher hängte unsere Hexe ihm manchmal Durchfall an, um es ihm heimzuzahlen. Aber Herr Braun stellte die Verbindung zwischen dem einen und dem anderen nie her und so lief die pädagogische Maßnahme immer ins Leere. Trotzdem würde unsere Hexe dem Tier nichts tun. Tiere können nur selten etwas für ihre Besitzer, das wusste sie.

Lieber hatte unsere Hexe den netten Herrn Sommer. Sein Nachname spiegelte sein Gemüt. Er war immer fröhlich, pfiff ein Liedchen vor sich hin, wenn er die Buchhandlung betrat, und quatschte mit allen Kolleginnen. Er war Rentner und hatte sehr viel Zeit für seinen Einkauf. Herr Sommer schlenderte stundenlang durch den Laden, sah sich von Kinderbuch bis Sachbuch jede Neuerscheinung an und kaufte am Ende eine Biographien, die er dem Bild seiner verstorbenen Frau vorlas. Er hasste Biographien, aber sie hatte sie geliebt.

Unsere Hexe liebte ihre Arbeit, aber manchmal, wenn sie nachts mit ihrer weißen Katze Tabby auf den Balkon ihrer Wohnung saß und die wenigen Sterne betrachtete, deren Strahlen es durch den Lichtsmog der Stadt schafften, kam sie sich unwichtig vor. Wozu hatte sie diese besonderen Fähigkeiten? Wozu hatte sie sie trainiert, wenn dann doch kein böser Geist die Stadt in Atem hielt? Sie dachte immer, sie wäre wie die Protagonistinnen in den vielen Fantasyromanen in ihrer Jugend. Hatten diese Bücher gelogen? Dabei hatte sie durch diese Geschichten hin und wieder etwas über sich gelernt. Oder über ihre Fähigkeiten. Und trotzdem war sie noch keinem Dämon begegnet. Obwohl jedes Buch sagte, dass – was? Der Name unserer Hexe? Entschuldige, ich war schon so im Reden, dass ich das vergessen habe. Sie hieß Katharina Spiegel. Ihre Freundinnen – wie ich eine war – nannten sie Kathi – mit einem langen a, darauf bestand sie.

Wo war ich? Ach ja, Kathis Jugendfantasybücher. In jedem stand, dass Dämonen sich immer auf starke Hexer*n oder Zauber*innen oder ähnliches stürzten, weil sie deren Macht spürten. Sie verfolgten sie. Der Einzige, der Kathi jemals verfolgt hatte, war Jens Baumann in der 8. Klasse gewesen, der damals über beide Ohren in sie verliebt gewesen war. Keine Sorge, er war kein Stalker, er hat sie nicht auf Schritt und Tritt beobachtet, aber in der Schule ist er ihr hin und wieder den Gang entlang gefolgt. Unwichtig zu erwähnen, dass die Liebe unerwidert blieb, denn er hat sich nie getraut, sie anzusprechen.

Katharina Spiegel hatte also irgendwann mit ihren Lieblingsbüchern gebrochen, sie ans Ende ihres großen Regals verbannt und zog sie nur noch heraus, wenn sie nach einem feuchtfröhlichen Abend rührselig wurde. Sie hatte sich der Esoterik zugewandt, testete Rituale, Salben und Räucherwerk und sagte sich, dass sie deswegen nie auf einen Dämon getroffen war. Tatsächlich entsprach das der Wahrheit. Dass Kathi ihre Kräfte so lange nicht benutzen musste, hing mit ihrer unverhofft starken Schutzmagie zusammen.

Nun würde ich die Geschichte der Katharina Spiegel – so klingt das schon etwas besser für eine Hexe, oder? – nicht erzählen, wenn ihr Leben bis an ihr Ende ruhig verlaufen wäre. Nein. Aber lass uns an dem Tag einsteigen, an dem alles begann. Zum Einstieg einmal diese wunderschöne Warnung: Be careful what you wish for, it may come true.

*

Es war eine sternenlose Silvesternacht, als Kathi – die Silvester immer alleine mit Tabby verbrachte – im Rahmen eines Raunachtrituals einen Wunsch auf einen Zettel schrieb und in einem Metallschälchen verbrannte. Auf dem Zettel standen die verhängnisvollen Worte „Ich möchte endlich meine Fähigkeiten benutzen!“.

Spulen wir zweieinhalb ereignislose Monate vor. Alles hatte seinen gewohnten Gang genommen. Kathi hatte ihre Fähigkeiten heimlich in der Buchhandlung angewandt, hatte Großeltern auf der Suche nach dem richtigen Taufgeschenk für das Enkelkind geholfen, jugendlichen Kundinnen die neuesten Fantasytitel empfohlen, wie immer waren kleinere Malheure passiert, und die schwierigsten Kundininnen kamen wie immer um die Zeit des Vollmonds.

Es gab keine besonderen Vorkommnisse bis zum Frühlings-Äquinoktium – ich könnte auch Tag- und Nachtgleiche sagen, aber Äquinoktium klingt doch besser oder? Jedenfalls fiel an diesem Tag ein Dämon in die Buchhandlung ein. Er war so stark, dass er Kathis Kolleginnen auffiel. Er kam gekleidet in einen schicken schwarzen Anzug, mit einem rot-weiß gepunkteten Einstecktuch in der Brusttasche und stützte sich schwer auf einen dunklen Holzstock. Seine Stimme war tief und er sprach mit einem leichten englischen Akzent, als er Imke, Kathis Kollegin, nach unserer Hexe fragte. Imke stotterte, so gebannt war sie von dem engelsgleichen Gesicht – seltsam, dass Dämonen immer so hübsch sind, dass man sie reflexartig mit Engeln vergleicht oder? Jedenfalls hatte er an diesem Tag kein Glück, denn Kathi hatte ihren freien Tag und besuchte ihre Mutter außerhalb der Stadt. Er sah sich etwas enttäuscht um und stöberte dann durch die Abteilung mit den Notizbüchern. Imke sah ihn den Laden nicht verlassen, aber als sie den Laden abends schloss, war er nicht mehr da.

Als Kathi am nächsten Tag zur Arbeit kam, schlug ihr die Macht des Dämons schon entgegen. Nun hätte sie schnurstracks hineingehen und den Eindringling erledigen können, aber insgeheim war unsere Kathi ein bisschen ängstlich. Sie stand daher zwei Minuten an der Eingangstür herum und kratzte ihren Mut zusammen, obwohl sie spürte, dass sie ihn besiegen konnte. Sie nahm einen letzten tiefen Atemzug und sprintete in die Notizbuchabteilung. Er hatte sich in einem wunderschönen dunkelroten Buch versteckt. Kaum hatte sie es entdeckt, floss schwarzer Rauch zwischen den Seiten heraus. Der Dämon wollte das Buch verlassen. Noch während er sich aus dem Buch zwängte, zückte Kathi ihren Schlüssel und kratzte ein Pentagramm in den Buchdeckel. Mit einem schlürfenden Geräusch wurde der Rauch wieder in das Buch gesogen. Als hätte es weh getan, zuckte es auf dem Regalbrett hin und her, aber Kathi wusste, dass die Gefahr gebannt war. Sie würde es später bezahlen und mit nach Hause nehmen.

Auf dem Heimweg pfiff sie fröhlich ein Lied vor sich hin, denn eins wusste sie jetzt: Ihre Jugendfantasybücher hatten nicht gelogen. Sie würde etwas in der Welt verändern. Sie hatte sie heute verändert, denn sie hatte einen Dämon gefangen! Als sie zuhause ankam, ließ sie den Dämon auf dem Küchentisch liegen, wo Tabby ihn beschnupperte und ihren Kopf an dem Buch rieb, und räumte die verbannten Bücher weiter nach oben ins Regal. Endlich war ihre Zeit gekommen. Die Zeit der Katharina Spiegel. Sie stellte den Dämon zu den anderen Büchern ins Regal, zog ein Naschlagewerk für paranormale Fähigkeiten heraus und begann zu trainieren.

Durch die zusätzliche Übung schaffte sie es, in der Buchhandlung noch effektiver zu arbeiten. Gab ihren Kolleginnen telepathisch Buchtipps während Beratungen – unauffällig natürlich, sie ließ es wie eine Idee aufploppen –, half Tanten bei der Suche nach dem idealen Kinderbuch für den hochbegabten Neffen, und fischte verschollen geglaubte Manga hinter den geschlossenen Buchreihen hervor.

Nun warten wir alle darauf, dass doch noch etwas passiert. Zu einem besonderen Tag wie Samhain oder dem Herbst-Äquinoktium. Eine gute Schriftstellerin würde das Datum dorthin legen, weil es sehr viel bedeutungsvoller klingt. Aber ich erzähle hier die Geschichte meiner Freundin Kathi und ich möchte sie richtig erzählen. Dazu gehört auch, dass der Dämon gar nicht wusste, dass er am Frühlings-Äquinoktium aufgetaucht war. Dass er ein für uns bedeutungsvolles Datum erwischte, war reiner Zufall.

Das Ende der Welt kam an keinem Feiertag, weder christlich noch keltisch noch anderweitig religiös. Nein, das Ende der Welt begann um Punkt 16:00 Uhr an einem schwülen Augustsonntag. Zumindest wäre es das Ende der Welt gewesen, wenn Kathi nicht zu diesem Zeitpunkt zufällig am Friedhof vorbeigelaufen wäre. Denn wenn sie eine Eigenschaft mit den vielen Romanfiguren in ihrem Regal gemein hatte, dann, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Katharina Spiegel spazierte also an diesem schwülen Sonntagnachmittag am Friedhof vorbei, als sich die Erde mit dem Geräusch eines umfallenden Baumes öffnete und die Toten sich mit klappernden Gebeinen aus ihren Gräbern erhoben. Ein Schwarm Vögel stieg hysterisch zwitschernd in den Himmel, der gellende Schrei einer älteren Dame und das hohe Bellen ihres Dackels hallten über den sonst so stillen Platz. Sofort rannte unsere Hexe durch das nächstgelegene Tor des Friedhofs und setzte all ihre Fähigkeiten ein, um die tausenden Gebeine zurück in die Erde zu schieben. Doch kaum hatte sie die Toten wieder zur Ruhe gebettet, verdunkelte sich der Himmel und Feuerregen fiel auf die Stadt. Kathi hob die Arme, um der Katastrophe Einhalt zu gebieten, und bis auf drei Funken, die in einen See fielen, konnte sie alle Flammen löschen. (Die Zeitung berichtete am nächsten Tag von einem mysteriösen Ascheregen.) Und dann – nun wir hatten es vorhin von guten Schriftstellerinnen, die hier einen spannenden Kampf eingefügt hätten – war alles vorbei. Kein Teufel erhob sich als Endgegner, keine Gottheit schwang erbost ihr Zepter, weil die Gläubigen sich zu wenig engagierten. Für Kathi war das alles sehr mysteriös. Ihre Bücher hatten von großen Schlachten erzählt, von einem Sieg in letzter Minute, schwer verletzt und am Ende der Kräfte aller Figuren. Kathi war ins Schwitzen geraten, ja, aber auch nicht mehr. Sie war nicht ausgelaugt oder verletzt. War das schon das Ende? Sie sah sich um. Die ältere Dame mit dem Dackel hatte schon im Angesicht der lebenden Skelette die Flucht ergriffen. Sonst war niemand hier. Außer der alten Dame hatte niemand mitbekommen, dass die Toten sich erheben wollten. Niemand hatte Kathis heroische Tat gesehen. Niemand würde sie feiern. Nicht so, wie in ihren Büchern, wo die Heldinnen auf den Schultern ihrer Gruppenmitglieder herumgetragen wurden. Sie wandte sich zum Gehen und hoffte darauf, dass bald wieder etwas passierte.

Kathi trainierte weiter, verlor kurz vor Weihnachten aber die Motivation. Sie beschränkte ihre Magie wieder auf ihre Arbeit im Buchladen, hängte Herrn Braun weiter Durchfall an für jede rassistische Bemerkung und plauderte mit Herrn Sommer. Sie Verbannte die Jugendfantasybücher wieder ans Regalende und stellte auch den Dämon dazu. An Silvester saß sie wieder mit Tabby am Tisch und schrieb ihren Wunschzettel. Sie versuche es mit demselben Wunsch wie im Jahr zuvor, doch ihr Alltag sollte ab sofort normal und ruhig bleiben.

Denn eins hatte sie bei all ihrer Liebe für ihre Jugendfantasybücher vergessen: Die meisten Protagonistinnen – sind wir ehrlich, es sind fast nur junge Frauen – müssen in ihrem Leben nur einmal die Welt retten und leben danach ein ruhiges Leben.

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